Ich bin der Moritz und ich blogge jetzt hier!

Volksmusikabend

 

Letzten Samstag, nach dem zehnten Geburtstag von JACis, bin ich mit Louisa, Vincent, Clemence (Kjemons, wie alle hier sagen) in die Augstskola gegangen, um einer Vorfuehrung traditioneller Lettischer Musik beizuwohnen. Und es war wunderbar: Moderiert wurde die Veranstaltung von zwei Figuren, welche ich liebevoll Korbgesichter taufte; denn es handelte sich um einen Mann und eine Frau in Trachten, die Koerbe auf dem Kopf trugen. Diese Koerbe waren verziert mit Brotscheiben, Stoecken und Zwiebeln, um ein Gesicht darzustellen. Die beiden fuehrten also das Publikum durch die verschiedenen auftretenden Amateurgruppen: Diese spielten alle Arten von Musik, von solcher, die man eher auf einem Mittelaltermarkt erwartet zu traditioneller Tanzmusik, zu welcher eine Gruppe junger Maenner und Frauen tanzte. Es war bemerkenswert, dass hier nicht, wie ich gewohnt war, alte Menschen die Brauchtumspflege uebernahmen, sondern beinahe ausnahmlos junge Menschen die vielzahl teilweise bizarrer Instrumente spielte, den zusaetzlich zu Akkordeon, Gitarre und Floete kamen auch verschiedene Bauarten von Lauten, "Saitenbretter", und Instrumente, welche ich noch nie gesehen habe. Die Musik selbst war gefaeelig und das Publikum. Es wurde viel gesungen, und die Akkustik im Saal war genial Konzipiert; so dass die Saenger ohne Mikrofon singen konnten, aber dem gebannten Publikum kein Ton verwehrt blieb. Die gerade erwaehnte Faszination des Publikums war anderer Natur als man es sich vielleicht bei einerm solchen Ereignis in Deutschland vorstellen mag. Das Publikum fiel in den Refrain ein (nicht "groehlte unverholen mit") und jeder klatschte und wippte individuell im Takt mit (nicht "der Saal schunkelte vor sich hin"). Wer nach Lettland reist und Musik mag, sollte es sich nicht nehmen lassen, an einem aehnlichen Ereignis teilzunehmen.

Ein Teil der Burg mit der Kathedrale im Hintergrund
Ein Teil der Burg mit der Kathedrale im Hintergrund

Der Blogeintrag in dem ich eine Woche krank war und deswegen wenig getan habe. 


Krank-Kochen-Post-Morgenspaziergang 


Muss ich tatsächlich mehr schreiben? Ich war eine Woche lang erkältet und deshalb mehr oder weniger ausser Gefecht. Daher habe ich wenig zu berichten. Ich habe den von mir ausgerichteten Deutschkurs gedanklich skizziert und viel Zeit mit kochen verbracht. Diese Aktivität hat einen sehr meditativen Einfluss auf mich, es macht mir Spaß Gemüse zu schneiden, Fleisch zu braten und Zutaten zu vermischen. Ich würde meine Erfolge gerne hier teilen, aber mein Essen ist oftmals eher schmackhaft als fotogen. 


Nun geht es mir viel besser und ich habe heute morgen gleich die per Krankheit verlorene Zeit mit einem morgendlichen Spaziergang aufgeholt. Erstes Ziel war die Post, welche hier ungewohnt lange geöffnet hat und auch Schreib- (logisch) und Tabakwaren (ungewohnt) anbietet. Ich wollte einige Postkarten versenden (weniger als ich versprochen habe, wem ich eine versprochen habe der bekommt schon noch eine) und zog eine Nummer. Nach 5 Minuten wurde ich aufgerufen: 


Ich: Labdien. 'you speak english? I would like to send these to germany. 

Postebeamte nimmt die Karten, stempelt, tippt auf einem Taschenrechner. Sie zeigt auf das Kristalldisplay: 2,80. Ich gebe ihr das Geld, sie holt Briefmarken aus einem enormen Folianten. Sie sagt etwas auf Lettisch und "läuft" mit ihren Fingern auf dem Tresen Richtung Tür. Der nächste Kunde wird heran gebeten. Ich sage höflich "Paldies" und gehe. 


Diese Art der Interaktion ist fast schon typisch und nicht unbedingt unfreundlich, sondern effizient. Kassierer in Rezekne scheinen zu wissen, dass niemand in einen Laden geht um sich zu unterhalten. Das finde ich sehr symphatisch.


Danach führte mich mein Spaziergang über den Fluss Rezekne, vorbei am Denkmal von Aljoscha dem Rotarmisten(?). Katja sagte mir, er sei eine Figur aus einem Volkslied und habe die Soldaten im zweiten Weltkrieg vereint. Merkwürdig, dass er immer noch dort steht, mit stoischem Blick und Maschinenpistole. Die Letten haben sich sehr für ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion engagiert, aber scheinen für diese Zeit keinen Groll zu hegen. Andererseits waren sicher auch viele Letten Teil der Roten Armee. 


Weiterhin ging ich durch die Altstadt zum (ehemaligen) Burghügel. Von dort hat man einen guten Ausblick über die Stadt, insbesondere über das Zeimuls. Die Burg ist größtenteils zerstört, muss aber ehemals einen Durchmesser von ungefähr 70 Metern gehabt haben. Ich muss beizeiten im Museum nach schauen, ob jemand im Hügel Mittelalterliche Artefakte ausgegraben hat. Weiterhin frage ich mich, woher die Steine für die Burg kamen, wenn sie denn tatsächlich komplett aus Stein war. Die Landschaft hier ist hügelig und bewaldet, aber die Hügel selbst sind eher sandig mit einer Oberfläche aus Erde. Der Fluss Rezekne ist nicht beschiffbar, das Flussbett deutet aber an, dass er einst breiter und tiefer war. Ich werde bei der nächsten Gelegenheit jemanden mit historischem Interesse  fragen. 

Ein unglaubliches Wochenende.


Die erste Woche in Rezekne liegt nun hinter mit. Die Zeit ist schneller vergangen als es mir jemals möglich schien. Wie in einem Einsteinschen Gedankenexperiment fühle ich mich sehr gut und jung, gleich dem Bruder welcher mit Lichtgeschwindigkeit reist.


Freitag


Am piektdiena (Lettisch) habe ich zuerst im JACis vorbeigeschaut, aber wegen der geplanten Einweihung des neuen Theaters waren nur wenige Jugendliche im Jugenzentrum. Sie waren alle bereits dort und bereiteten sich auf ihre Aufgaben am nächsten Tag vor. Für uns gab es zunächst drei Stunden lang nichts zu tun, weder im JACis noch im Theater, daher bin ich mit Clemence ins Kulturzentrum Gors gegangen, um den Film "Metamorphosen" des deutschen Regisseurs Sebastian Mez zu sehen, der sort im Rahmen einer Dokumentarfilmreihe gezeigt wurde. Danach halfen wir kurz im Theater und bereiteten Requisiten für ein Schattentheater vor. Später gingen wir Anas besuchen, einen jordanischen Freiwilligen aus dem Zeimuls zentrum. Ebenfalls dort waren Enrike aus Spanien, Nadyn aus Moldawien und Vincent aus Frankreich, ebenso Louisa aus Deutschland. Nachdem wir uns kennengelernt haben, sind wir zum Kebabrestaurant gegangen, welches gleichzeitig Dönerbude, Diskothek und internationaler Treffpunkt ist. Ein konzept welches meinen Kopf beinahe zur Explosion brachte.

Samstag

Der Tag der Parade, welche die offizielle Eröffnung des neuen Theaters markierte, begann mit spätem Aufstehen. Am Nachmittag kochten wir ein traditionelles deutsches "Gericht", nämlich Kartoffelsalat mit Wurst, zusammen mit Clemence, aber wir mussten das essen auf nach der Parade verschieben, welche uns vom Alten ins Neue Theater einmal quer durch Rezekne führte.- Auf dem Weg wurden wir Zeuge einer genialen Performance aus Enrikes Feder. Es ist bemerkenswert, was Enrike, oder Kike, wie ihn alle zu nennen scheinen, in seinen 7 Monaten hier gelernt hat, in Anbetracht der Tatsache dass er vorher Ingenieurswesen studiert hat und vorher niemals auf einer Bühne stand. Bevor wir wieder aushelfen sollten, war eine Pause eingeplant, also genehmigten wir uns einen Snack im Park und schlichen uns in den Theatersaal. Nach einiger Zeit wurden die Gäste nach draussen gebeten und wir kamen in den Genuss von Kikes Interpretation von "Romeo und Julia" mit Katzenmakeup und Tanz. Später in der Nacht kamen die anderen Freiwilligen in den zweifelhaften Genuss von Kartoffelsalat und Würsten.

Sonntag

Heute unternahmen wir einen langen Spaziergang zu dem Aussichtsturm ausserhalb der Stadt. Der Weg führte uns durch Industriebrachen, die zwar verlassen aussehen, von welchen einem dennoch wütende Männer oben ohne verscheuchen. Als wir nach einigen Irrwegen am Aussichtsturm ankamen und ihn kletternd bezwangen, nahmen wir ein Picknick ein und sprachen, wortwörtlich, über Gott und die Welt. Anas, lud uns zu seinem Conversation Course ein, um diese Themen en detail zu besprechen. Als wir den langen Weg zurück in die Stadt hinter uns gebracht hatten, erreichte uns telefonisch die Einladung zu einem Konzert im Gors, und ich entschied mich kurzfristig, diese anzunehmen. Ich warf mir also meine Anzugjacke über und joggte zum Gors, wo ich im großen Saal Platz nahm. Die vertraute Leinwand der Kinovorstellungen der letzen Tage war Musikinstrumenten, Lautsprechern und Scheinwerfern gewichen. Tentakel aus Licht spielten mit den futuristischen Ornamenten an den Wänden des großen Saales. Goran Gora betrat(en) die Bühne und begannen wundervolle, kräftige Lettische Musik zu spielen. Obwohl ich kein Wort verstand, war mir doch aus seiner Intonation und dem eingängigen Takt sofort klar, dass diese fremden Worte profunde Gedanken zu Ausdruck brachten. Zwischen den Songs trug der Sänger Gedichte vor. Die Schönheit dieser Performance führte beinahe dazu, dass ich die Entscheidung bereute, Russisch statt Lettisch zu lernen (Die Aufnahmeorganisation soll den Freiwilligen eine Sprache beibringen, welche in eben dieser Organisation gesprochen wird). Ich hoffe dennoch, dass ich genug Lettisch aufschnappe, um vielleicht doch einen der Texte zu verstehen.

Ich wünsche euch allen einen guten Start in die Woche und alles gute!

Kvasa- You know, its with kvassa!

 

Heute war ein wunderbarer, Spätsommerlicher Tag hier in Rezekne. Am morgen habe ich im Theater geholfen. Ich habe Kulissen gebastelt. Am Mittag haben wir einen netten Spaziergang durch die Altstadt gemacht, um das alte Museum zu sehen und einen Blick in die gigantische Kathedrale zu werfen. Tatsächlich endete die Expedition aber beim Zeimuls, wo wir uns mit Anas, einem Jordanischen Freiwilligen trafen. Später war die unglaublich großartige Willkommensparty für die neuen brīvprātīgais (Freiwilligen, das sind wir ^^), mit Pizza, Livemusik und Geschenken. Alle wünschen uns hier nur das beste, das merkt man im Minutentakt.

Heute Nachmittag war ich im Maxxima, dem größten Supermarkt in Rezekne, und habe mir Svaka gekauft. Es war sehr lecker, ein extrem süßes Malzgetränk ohne Alkohol. Auf meine Frage, was genau der Inhalt sei, anwortete Jekaterina, unsere Chefin, nur:"Its with Kvass, you know"

Der Blogeintrag, in dem ich mich für den Mangel an Blogeinträgen entschuldige.

 

Die ersten beiden echten Tage in Lettland sind vorbei und viel ist geschehen. Mittwoch habe ich den ersten Tag im JACis verbracht, und alle sind extrem freundlich und unglaublich warmherzig. In Lettland scheint sich jeder zu jeder Gelegenheit zu umarmen, und wenn wir abends nach Hause gehen dauert es häufig 20 Minuten, bis man jeden noch einmal gedrückt hat. Vorgestern Abend kam auch Clémence in Rezekne an, die Freiwillige aus Frankreich. Wir haben gestern mit ihr die Attraktionen der Stadt erkundet, das enorme "Gors"-Kulturzentrum, welches aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film geschnitten, aber dennoch mit der Substanz dieser Stadt harmoniert. Weiterhin ist hier alles wunderbar, ich melde mich später wieder.

Bon voyage!-Schneewittchenland-Eintopf


Eine Reise, ist eine Reise, ist eine Reise- ist ziemlich aufregend. Als die Bekannte, schwere Holztür meines Elternhauses hinter mir zuschlug, wurde mir selbst die Schwere der Situation klar, denn diese Haus würde ich nun erstmal nicht mehr sehen. Es ging zum Flughafen Hamburg, von wo die AirBaltic Maschine Paul und mich nach Riga bringen würde. Wir nutzten die Gelegenheit, etwas Lettisch zu lernen (siehe Foto). Der Flug verlief ohne Komplikationen, und um 14 Uhr Ortszeit empfingen ins zwei Freiwillige von JACis, und wir machten uns auf den Weg in die Rigaer Innenstadt, wo wir Asiatisch aßen, ich Sushi, Paul Frühlingsrollen (die auf Lettisch "Chinesische Pfannkuchen heißen).


Danach begann die vierstündige Zugfahrt nach Rezekne, durch von Ruinen durchzogene Felder, oft sah man aus dem Zug keine Menschen und keinen Verkehr, was den gruseligen Eindruck eines verzauberten Märchenlandes in mir erweckte, so schön, rustikal und menschenleer es zuweilen schien. An den Bahnschienen graßte stattliches Dammwild und fette Kühe nutzten die spätsommerliche Sonne für ihr Nickerchen. Im Zug hörte man häufig nicht nur Lettisch, sondern auch viel Russisch, ein klares Zeichen für den starken Russischen Einfluss in dieser Region. 


Am Bahnhof holte uns Marek, ein weiterer Freiwilliger mit dem Auto ab. Wir verpassten durch sein eklatantes (aber sehr lustiges)  Herumgefummle am Radio unsere Straße und fuhren eine Runde durch das nächtliche Rezekne, vorbei am JACis, am Mego-Markt und an den anderen Apartmenthäusern. In unserer Wohnung erwartete uns ein herzliches Empfangskomitee und ein deftiger Eintopf aus Kartoffeln und Rind, sowie ein gefüllter Kühlschrank. Zu später Stunde schaute sogar noch ein kontaktfreudiger  Nachbar vorbei und fragte, ob wir Zigaretten hätten, was ich verneinen musste. ;-) 


Dafür gehe ich jetzt ins Bett. Gute Nacht ! 


Die spannende Phase beginnt! 

 

Morgen geht es los, mein Jahr als Freiwilliger im Jugendzentrum JACis in Rezekne, Lettland. Die Koffer sind gepackt, das Ticket gedruckt, die Wörterbuch-App installiert und Aufregung in jeder Zelle. Die Vorbereitungsphase ist damit abgeschlossen, und selbst diese war spannender als man es sich vorstellen mag, denn sie enthält, unter anderem: Bewerbungs-Autodidaktik, ein Reassesment der eigenen Fähigkeiten, fast schmerzhaftes Warten auf E-Mails, große Freude beim Okay, ein tolles Vorbereitungsseminar in der Schierker Baude (es war großartig, und der Harz mal etwas ganz anderes für mich als Schlewig-Holsteiner) und das Kennenlernen anderer Freiwilliger. Es kann losgehen, und ich werde euch hier auf dem Laufenden halten.